Claus Olsen


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Behandlung der Kriegsgefangenen

Nach dem Überfall auf Polen wurden bereits für Erntearbeiten 1939 rund 30.000 Kriegsgefangene im Reichsgebiet fast ausschließlich in der Landwirtschaft eingesetzt. Anfang Oktober 1939 waren es bereits 110.000 und im Februar 1940 270.000 Kriegsgefangene. 

Die Gefangenen wurden zunächst in großen Durchgangslagern gesammelt und dann zu den Stammlagern (Stalags) verteilt, die der Wehrmacht unterstanden. Auf den Dörfern wurden Tanzsäle der Gastwirtschaften oder andere geeignete Unterkünfte ausgewählt. Dann wurden auf den Dörfern Wachmannschaften aus älteren Soldaten gebildet. So geschah es auch in dem beliebten Tanzlokal in Husbyries. Die Polen aus dem Husbyrieser Lager, es waren ca. 100 Mann, wurden auf Höfe in Husby, Husbyholz, Hodderup, Lutzhöft und Gremmerup verteilt, wo sie die eingezogenen Knechte ersetzten, und wo sie auch verpflegt wurden. Als Bewachung dienten fünf deutsche Soldaten unter der Führung eines Unteroffiziers. Für die Wachmannschaft wurde ein Zimmer beim Gastwirt eingerichtet. Ein Wachsoldat brachte dann jeden Morgen eine Gruppe zu einem der Dörfer, wo er die Gefangenen auf den ihnen zugeteilten Höfen ablieferte. Abends brachte er sie wieder ins Lager zurück, wo sie dann die Nacht hinter der verschlossenen Saaltür verbrachten. Die Gastwirte erhielten für die Unterbringung pro Kriegsgefangenen im Sommer 20 Pfennig und im Winter 40 Pfennig am Tag. Vertragspartner war das Stalag X a in Schleswig.  Solange die Gefangenen im Lager wohnten, bekamen sie 13 Lagermark pro Monat, womit sie in einer für sie eingerichtete Marketenderei mit stark beschränktem Warenangebot einkaufen konnten. 

Die Gastwirte durften ihnen die Waren nur im Beisein der Wachmannschaft verkaufen. Auf die ohnehin erhöhten Preise, die die Polizei festlegte, wurde 10 % aufgeschlagen. Das eingenommene Lagergeld wurde am Ende eines jeden Monats an die Verwaltungsdienststelle des Stalag in Oldenburg/Holstein übersandt. Dort wurde 1/11 abgerechnet und der verbeibende Betrag in Reichsmark überwiesen. 

Anfangs kamen die Kriegsgefangenen überwiegend in die Landwirtschaft, doch auch den Industriebetrieben und Handwerkern wurden "Polen" zugewiesen. Der Bedarf war riesengroß, zumal ständig Knechte, Bauern und Handwerker eingezogen wurden. Nach einer kurzen Einarbeitungszeit machten die Polen nicht nur die Feld- und Viehwirtschaft oder arbeiteten als Facharbeiter oder Handwerker. Sie brachten auch das Korn zur Mühle, die Milch zur Meierei, machten die Einkäufe beim Kaufmann, Schlachter und Bäcker.

Bis Ende 1941 bleiben die Polen in den Lagern und gingen zu Fuß mit ihrem Wachmann den oft langen Weg hin und zurück zur Arbeitsstätte, was zeitraubend und umständlich war. Die deutschen Behörden beschlossen deshalb Ende 1941, daß die Polen als Kriegsgefangene entlassen und als zivile Arbeiter verpflichtet werden sollten. Einige Lager wurden ab Ende 1941 ausgewählt, um dort die Statusänderung vornehmen zu können. Von den Behörden wurde zunächst für jeden Polen ein Dokument angefertigt, das diese Statusänderung bezeugte, und die er mit seiner Unterschrift anerkennen sollte. In einigen Lagern wurde vom Wachpersonal Versprechungen gemacht, die sich nachher aber als falsch herausstellten. Den Kriegsgefangenen wurde in Aussicht gestellt, daß sie mehr als 60 RM im Monat bekommen sollten und daß sie als Zivilarbeiter voll anerkannt wären.  Doch die Polen fühlten sich als Soldaten und wollten die Unterschrift nicht leisten, die sie zu Zwangsarbeitern degradierte. Die Behördenvertreter, es waren Parteifunktionäre und Offiziere, reagierten auf ihre Weise. Sie brachten handfeste Männer mit, und wer nicht unterschreiben wollte, wurde je nach Bedarf geschlagen, verprügelt, mit den Stiefeln getreten oder mit dem Gewehrkolben geschlagen. Nur ganz wenige unterschrieben ohne Widerstand, andere nach einigen Faustschlägen, aber viele unterschrieben nicht. In Ruhnmark kam ein polnischer Kriegsgefangener zu seinem Bauern zurück und meinte: "Deutsche kein Kulturvolk!" und verrichtete fortan seine Arbeit nur noch widerwillig. Das brutale Vorgehen der Behörden war so schlimm, daß sich einige Bauern beschwerten, weil ihre Beschäftigten arbeitsunfähig geschlagen wurden. Später bekamen die Polen einfach einen Entlassungsschein, der gleichzeitig eine Dienstverpflichtung beinhaltete.

Die Polen mußten sich nach der Statusänderung mit einer Arbeitskarte bei der Polizei melden. Waren sie als Kriegsgefangene mit einer Uniform, bestehend aus Rock, Hose und Mütze, bekleidet, gingen sie nun in Zivil. Jeder hatte immer eine ca. 5x5 cm Marke mit einem schwarzen "P" auf gelbem Grund an der linken Brustseite zu tragen. Es war eine Kennzeichnung von Menschen zu ihrer Herabwürdigung, genauso wie Juden und später russische Zwangsarbeiter ein Abzeichen tragen mußten.

An einem schönen Sonntagnachmittag im Sommer beobachtete Werner Mühlmann in Husbyholz ein Auto, das scharf abbremste: "Da damals kaum Autos fuhren, gingen wir natürlich hin um zu sehen, was los sei. Hier machte eine Gruppe von vier Polen einen Sonntagsspaziergang. Da das Wetter gut war, hatte der eine Pole seine Jacke zurückgeschlagen und ging mit den Händen in den Hosentaschen. Hierdurch war das "P" nicht mehr direkt sichtbar. Per Zufall wurde die Gruppe von einem offenen Wagen mit Parteifunktionären überholt. Der Wagen bremste abrupt, ein Parteifunktionär stieg aus, ging zum Polen mit der offenen Jacke, schimpfte über das unsichtbare "P" und versetzte dem verdutzten Polen eine Serie schallender Ohrfeigen." 

Nach dieser Statusänderung sollten die Arbeitgeber nicht nur für die Kost, sondern auch für die Unterkunft sorgen. In den meisten Fällen konnten die Polen direkt in den leeren Kammern der eingezogenen Deutschen einziehen. Wenn nicht, so konnte man, da ja keine Qualitätsansprüche gestellt wurden, leicht eine Behausung finden. Für ihre Arbeit bekamen sie offiziell nur 36 Reichsmark, womit sie frei einkaufen konnten. Manche Arbeitgeber zahlten allerdings freiwillig das Doppelte, um ihre Arbeitskräfte zu halten. Soweit die Polen bisher Uniformen vom Deutschen Reich erworben hatten, mußten sie sie bei der nächsten Polizeidienststelle abgeben und bekamen dafür zehn Reichsmark erstattet. Nun war für sie das Arbeitsamt zuständig. Auch bekamen sie eine Raucherkarte zum Einkauf von Tabakwaren, allerdings nur eine Frauen- Raucherkarte, die nur die halbe Ration der Männer enthielt.

Meistens gingen die Bauern gut mit ihren neuen Hilfskräften um. Einige wenige haben allerdings die Propaganda der Regierung genau befolgt. Beim Bauern Malte N. gab es bei schwerster körperlicher Arbeit jeden Morgen fünf Stück Brot mit Schmalz und Salz, Milch und etwas Grütze, mittags Grütze mit Milch und Kartoffeln. Nachmittags mußten die beiden polnischen Arbeiter durcharbeiten und abends wurden Bratkartoffeln mit trockenem Brot gereicht. Der Bauer zwang seine Arbeiter, an sieben Tagen in der Woche zu arbeiten und zeigte sie bei der Gendarmerie an, als eines Sonntags die Arbeit verweigerten. Dem Landrat des Kreises Schleswig-Land, Kolbe, war die Angelegenheit so wichtig, daß er sie persönlich erledigte. Er ließ die Angezeigten wissen, daß sie "im Wiederholungsfalle mit den allerschärfsten polizeilichen Maßnahmen zu rechen" hätten.  Wie diese Maßnahmen aussahen, läßt sich an einem anderen Fall zeigen: Der politische Leiter der NSDAP – Ortsgruppe Treia Carsten Hinrichsen schrieb am 6. April 1942 eine Beschwerde an den Bürgermeister von Treia, der sie an den Landrat in Schleswig weiterleitete:

"Der ehemalige polnische Kriegsgefangene Peter Marszuk, geb, am 11.12.1914 ist seit dem 1.11.41 als Ukrainer aus der Gefangenschaft entlassen und am 2.11.41 bei mir in Arbeit gestellt. Der Bruttolohn für diese Arbeitskraft ist vom Arbeitsamt auf 50 Rm monatlich festgesetzt. Wegen diese ihm angeblich zu wenig gezahlten Lohnes hat Marszuk mir mehrfach beschimpft. Er hat sich aber ebenfalls über andere Dorfbewohner, die sein Anliegen nicht erfüllten folgendes geäußert. Der Gastwirt Pg. Fr. Glöe, Treia mit seinem dicken Bauch, sollte zu Schmirseife gemacht werden. Über die Firma Lorenz Hansen, es ist noch lange nicht Krieg genug, dort müssen die Bomben platzen. Ich habe ihm auf die Folgen seiner Äußerungen aufmerksam gemacht und es der Polizei gemeldet. Die Polizei hat anscheinend darauf nicht reagiert. Am 2.4. ds. Mts. erklärte er mir ganz frech, er wollte wegen seines Lohnes zum Arbeitsamt fahren. In Anbetracht der dringenden Frühjahrsarbeiten habe ich ihm dieses Anfangs abgelehnt. Nach Rücksprache mit der Polizei ihm ein halben Tag frei gegeben. Nachdem er dort sein Ziel nicht erreicht hatte, wurde er am nächsten Tag wieder frech. Am 3.4. ist er dann zur Ortspolizei gegangen mit der Beschwerde, daß ich ihm geschlagen haben sollte. Der Amtsvorsteher hat daraufhin ihn in einer anderen Stelle umvermittelt, ohne die Genehmigung des Arbeitsamtes einzuholen und ohne meine Vernehmung hat er mir meine einzige Arbeitskraft entzogen. Der Marszuk erschien am Nachmittag des 3. April auf meinem Hofe mit einem Schreiben vom Amtsvorsteher, legte es draußen hin und rief mir zu, du Schweinehund kannst deine Arbeit alleine machen. Als Politischer Leiter der Ortsgruppe Treia der NSDAP. muß ich alle diese Vorkommnisse zur Anzeige bringen und bitte, die Sache weiterzuleiten, damit Marszuk seiner gerechten Strafe entgegen geht. Heil Hitler Carsten Hinrichsen."

Der Dorfpolizist schrieb in sein Protokoll, der Zwangsarbeiter habe dem Landwirt Schläge angedroht. Er sei ohnehin ein Deutschenhasser. Der Landrat empfahl daraufhin die Einweisung in ein Konzentrationslager. Auf Anordnung der Gestapo in Kiel wurde der Ukrainer in das Arbeitserziehungslager in Watenstedt bei Braunschweig eingewiesen. Wie es hieß, für 28 Tage, doch die letzte Eintragung in den Akten vom 18. Juni 1942 lautet: "Martschuk ist dem Arbeitserziehungslager zugeführt und wegen seiner strafbaren Handlungen nach Mitteilung des Hauptwachtmeisters Jungjohann dort erschossen worden." 

Die meisten Dorfbewohner unterschieden sich von den strammen Nationalsozialisten. Wer über lange Zeit zusammen mit den Kriegsgefangenen arbeiten und leben mußte, fand auch zu einem stillen Einvernehmen. Die Gefangenen und Verschleppten wurden zu "unseren Polen", manche Zweckgemeinschaft entstand. Geschickt umging man die unmenschlichen Anordnungen von oben. Eine klare Trennung zwischen Deutschen und Polen wurde verlangt, und eine Maßnahme war, daß Polen und Deutsche nicht an einem Tisch sein durften. Die Polen sollten, wenn schon im selben Raum, dann immer an einem Tisch für sich sitzen. Wenn eine Kontrolle der örtlichen Parteileitung kam, konnte es mindestens eine Verwarnung geben, doch manchmal hieß es auch: "Wenn die Kontrolle kommt und die Polen sind da, werdet ihr abgeholt!" Bei den Kleinbauern, wo meistens in der Küche gegessen wurde, mußte ein extra Tisch aufgestellt werden, wo der Zwangsgast dann seine Mahlzeit einnehmen konnte. Diese Tischordnung wurde oft kontrolliert. Schwierig war die Situation da, wo die Frau alleine mit einem Polen wohnte und wirtschaftete. Die Frau durfte sich natürlich auf keinen Fall mit einem Polen an einen Tisch setzen.

In Havetoft erging es dem Hausmädchen Helene B. besonders schlecht. Sie hatte den beiden Kriegsgefangenen des Bauern D. dreimal täglich das Essen zur Kammer zu bringen. Damit wollte der Bauer verhindern, daß die Polen mit in der Küche aßen. Helene B. blieb bei den Kriegsgefangenen und unterhielt sich mit ihnen, "viel länger als nötig." Außerdem hatte sie trotz Verbots Wurst und Schinken aufs Brot gelegt und Bier mitgebracht. Diese menschliche Geste reichte aus, sie vor das Sondergericht in Kiel zu bringen. Das Gericht verurteilte sie zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten, denn sie habe sich als deutsches Mädchen ehr- und pflichtvergessen aufgeführt: "Sie hatte mit den Kriegsgefangenen einen Umgang gepflogen, der dem Empfinden des deutschen Volkes widerspricht," urteilten die Richter.  In einem anderen Fall wurde eine Bäuerin aus Markerupheide verwarnt, weil sich 15 bis 20 polnische Arbeiter und Arbeiterinnen bei ihr zu einer Geburtstagsparty getroffen und dort in der Lohdiele getanzt hatten. 

Doch wie die offizielle Lesart der Rassefanatiker war, wußte jeder. Als gegen Ende des Krieges einige Brandbomben auf Flensburg fielen, wurde das Ereignis im Nachbarort beim Einkauf im Tante-Emma-Laden diskutiert: "Es sind sieben Leute umgekommen, hörte Hansen von einem Kunden. Einer der Wartenden berichtigte: "Sechs Menschen - der siebte war ein Pole". 

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