Der königliche Garten
Aus heutiger Sicht ist es nur noch schwer
nachzuvollziehen, daß Gewürze wie Vanille, Muskat, Pfeffer oder Nelken
im Europa des 18. Jahrhunderts Höchstpreise erzielten und ihren Händlern
unermeßlichen Reichtum bescherten. Grund dafür war das Monopol, das
die Holländer aufgrund ihrer Kolonien in Südostasien auf den Handel
mit Gewürzen hatten und daß sie mit aller Macht verteidigten. Trotzdem
gelang es dem damaligen Gouverneur von Mauritius, Pierre Poivre, unter
größten Gefahren Gewürzpflanzen aus den holländischen Kolonien
heraus zu schmuggeln und im Botanischen Garten von Pamplemousses zu
vermehren. Um neue Plantagen anzulegen, die dem französischen König
weiteren Reichtum bringen sollten, ließ Poivre nach geeigneten Orten
Ausschau halten und fand in der Anse Royal im Südosten Mahés einen
geeigneten Landstrich, um die Gewürze zu kultivieren. Wenn die Erträge
dieses Jardin du Roi auch nicht sehr hoch waren, so reichten sie doch
aus, das holländische Monopol zu brechen. Allerdings wollte man mit
allen Mitteln vermeiden, daß die Engländer ebenfalls in den Besitz der
Gewürzpflanzen kamen, und so wurde der damalige, recht erfolgreiche
Gouverneur de Romainville angewiesen, die gesamte Plantage sofort
niederzubrennen, wenn sich ein englisches Kriegsschiff der Insel nähern
sollte, die zu der Zeit noch völlig unbefestigt und somit einem Angriff
schutzlos ausgeliefert war. 
Tatsächlich wurde de Romainville 1780 eine englische Fregatte gemeldet,
die sich der Insel näherte und so gab er sofort den Befehl, alle Pflanzen
zu verbrennen. Wie muß er sich wohl gefühlt haben, als man einige Stunden
später erkannte, daß es sich gar nicht um ein feindliches englisches,
sondern um ein französisches Schiff handelte? Der Garten war restlos
zerstört und mit ihm de Romainville, der wenig später sein Amt niederlegte.
Heute befindet sich in der Nähe des ursprünglichen Gartens ein neuer
Jardin du Roi, der 1995 eröffnet wurde. In ihm sollen wieder all die
Gewürze angepflanzt werden, die den ersten Reichtum der Seychellen ausmachten
und in den vergangenen Jahrzehnten wieder importiert werden mußten.
Die Inhaber der Plantage sind Nachkommen eines geheimnisvollen Monsieur
Poiret, der Anfang des 19. Jahrhunderts auf den Seychellen landete und
angeblich der Thronfolger König Louis’ XVI. war, der während der französischen
Revolution unter der Guillotine starb. Sollte dies stimmen, flöße königliches
Blut in ihren Adern und der Name des Gartens - le Jardin du Roi - gewönne
eine ganz neue Bedeutung.
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